Samstag, 14. Oktober 2006
Meine Provinz und ihre heimatlosen Geister
Ich weiß nicht, ob es hier Geister gibt. Unser Haus stammt von 1873, aber ich wohne erst seit ein paar Jahren hier in Haidhausen. Bestimmt gibt's hier Geister, und wenn jetzt irgendwelche direkt aus den 1970er Jahren übriggebliebene Immobilienhaie ihre Mäuler gierig aufreißen und uns auffressen wollen, dann wachen die auch hoffentlich wieder auf. Dann spielen blass leuchtende Arbeiterkinder aus der Gründerzeit, die dereinst hier an der Tuberkulose verschieden sind, des Nachts in den Hinterhöfen und erschrecken die Finanziers mit den Euro-Zeichen in den Augen halb zu Tode. Ich hoffe darauf, aber ich weiß es nicht. Meine Wurzeln hier sind noch ganz, ganz kurz und frisch.

Die Geister, die ich kenne und mit deren Geschichten ich aufgewachsen bin, die sind weit weg. Die sind an einem Ort, den haben wir verloren (verdient, weil unsere Seite den Krieg angefangen und verloren hat, wurde mir von klein auf nicht-revanchistisch erklärt), aber das ist trotzdem immer noch unsere Provinz, aus der wir stammen, ob wir nun in München oder Berlin, dem Ruhr- oder Rhein-Main-Gebiet wohnen, seit Jahrzenten, zuhause, aber nicht wirklich 'wo wir herkommen'.

Dort, wo wir herkommen, im Dorf K. an der Fernstraße, die von der großen Oderbrücke in Frankfurt nach Osteuropa, nach Warschau und Riga und St. Petersburg führt, da waren unsere Vorfahren lutheranischen Dorfpfarrer. Oder vielmehr, eigentlich sollte ich sagen, wir sind die Familie vom Herrn Paster - meine Großmutter was 'Pasters Heidel' in der Ausdrucksweise unseres Dorfes, in dem der Familien- oder Hofname zuerst kam, und dann erst, welches Kind von dort gemeint war. Und es waren immer viele - bei uns waren es acht in dieser letzten Generation, die dort aufgewachsen ist. Auch ohne den Krieg wäre es die letzte gewesen, denn Heidels ältester Bruder, der wieder Pfarrer war, weigerte sich, die Pfarre zu übernehmen und bewarb sich ganz modern auf eine, die weiter westlich lag - er argumentierte, er sei als 'Pasters Walther' unter den Bauernkindern aufgewachsen und hätte für die nun erwachsenen Altersgenossen nie die Autorität, die er als 'der Herr Paster' bräuchte.

Der Teich im Dorf K., heute

Eine Generation früher, so führte Walther an, seien die Kinder vom Paster mit den Kindern vom Gut aufgewachsen, nicht denen aus dem Dorf, und auswärts zur Schule gegangen, nicht mit dem halben Dorf als 'Fahr-Schüler' nach Frankfurt, jeden Tag, hin und zurück, was dazu führte (unter anderem), daß die Familie vom Paster notorischerweise um halb vier zu Mittag aß an einem Werktag. Weil es doch noch recht weit war mit der provinziellen Bummelbahn. Nein, eine Generation früher wurden die Kinder nach Berlin verschifft, um dort aus einer Schülerpension aus ins Gymnasium oder auf eine Schule für höhere Töchter zu gehen, und in den Ferien, zuhause im Dorf K., da war die Familie vom Herrn von K. auf dem Gut die einzigen, mit denen man Umgang hatte, so von gleich zu gleich.

Die Bauern waren zwar freie Bauern, Besitzer ihrere eigenen Höfe für weit mehr Generationen, als wir das Pfarrhaus von Schwiegervater zu Schwiegersohn, von Vater zu Sohn, weitergereicht hatten - unter dem Patronat der Herren von K. auf dem Gut, die mit uns immer gut ausgekommen waren. Aber die Bauern waren eben die Leute aus dem Dorf, mehr eine pittoreske, amorphe Masse Menschen mit Rindviechern und Kindern, als ebenbürtige Menschen. Damals, in der Gründerzeit, als in Berlin-Kreuzberg oder München-Haidhausen die tuberkulösen Arbeiterkinder auf dem zweiten oder dritten Hinterhof spielten, da war in unserer Provinz die Welt noch in Ordnung, und jeder blieb an seinem Platz, und wer wirklich nicht wollte oder konnte, für den blieb immer noch Kreuzberg. Sogar die drei Töchter vom Herrn Paster, die Lehrerinnen wurden, die verbrachten ihr Leben damit, die rotznasigen Arbeiterkinder in Kreuzberg in Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten, und kamen nur noch zu Besuch ins Dorf K. zurück.

Der Teich im Dorf K., damals

Die Bauern glaubten an Geister, natürlich taten sie das, und wir hatten so die entsprechende Anzahl in unserem Dorf - da gab es etwa die alte Frau mit der Kiepe an der Straße in die Kreisstadt R., oder den 'Kuhkopp', einen Rinderschädel, der einem in der Luft schwebend nachts auf dem Weg am Friedhof begegnen konnte. Und dann gab es auch noch die gruslige 'Wasserinschrift', eine Holztafel am Dorfteich, die an einen Selbstmörder erinnerte. Soweit, so üblich.

Der wirklich interessante Geist in unserem Dorf, das war jedoch 'das linke Bein', das im Obstgarten vom Gut umging. In der Abenddämmerung im Spätsommer, wenn die Bauernkinder aus dem Dorf über die Gutsmauer stiegen, um die Kirschbäume vom Gut zu plündern, dann geschah das mit dem zusätzlichen, lustvollen Grusel, daß man dem 'linken Bein' begegnen konnte. Sie saßen auf den Bäumen und schlugen sich die Bäuche voll, bis einer sagte, "Da hinten ist das linke Bein!", und dann rannten sie alle weg, durch den Garten, über die Mauer, zurück zu den Höfen ihrer Eltern, wo es auch Kirschbäume gab, aber das war nicht so spannend.

Das linke Bein stammte von einem preußischen Offizier, einem entfernten Verwandten des Herrn von K. auf dem Gut, der aus dem Krieg 70/71 schwer verwundet zurückgekommen war und den die Familie auf dem Gut gesundpflegte - allerdings konnte der Landarzt das linke Bein des Verwundeten nicht retten, und so mußte er es abnehmen, bevor der ehemalige Offizier sei Leben einbeinig und fern vom Dorf K. lang und friedlich zu Ende führen konnte. Das Bein blieb zurück und wurde im Obstgarten begraben.

Da die Bauern nun mal abergläubisch waren, zur leicht abgehobenen Erheiterung vom Herrn von K. und seines einzigen ebenbürtigen Freundes, des Herrn Paster, wollte man sich das nun zunutze machen, und streute die Geschichte aus, das linke Bein des verwundeten Offiziers gehe im Obstgartem vom Gutshof um - mit Absicht, um die Kirschbäume zu schützen! Der Herr von K auf dem Gut, und der Herr Paster, das waren zwar gebildete Männer, in deren Absicht es lag, den Aberglauben zu bekämpfen - aber die Kirschen, immerhin ein wertvolles Gut zum Einmachen für den nächsten Winter (oder gar zum Verkauf in Frankfurt oder Berlin), die gingen vor. Da wurde mit harten Bandagen gekämpft, und notfalls auch mit amputierten linken Beinen.
Kirche im Dorf K., heute

In unserem Dorf wohnen jetzt Polen, die nach dem Krieg von den Russen aus dem Osten von Polen vertrieben worden waren. Die wissen nichts vom Kuhkopf oder vom linken Bein. Die Großmütter erzählen vielleicht noch von den Geistern aus ihrer eigenen alten Heimat, und bestimmt ist auch schon wieder jemand im Dorfteich ins Wasser gegangen, vor dessen Geist man sich jetzt fürchten kann, vor allem die, die in die tragische Geschichte verwickelt waren. In der Provinz vererbt sich so etwas ja immer von einer Generation auf die nächste.

In der Kirche von K., die von außen immer noch gleich aussieht, pastert jetzt ein polnisch-katholischer Priester, der keine acht Kinder haben darf, nicht mal eins, vor einem neuen, kitschigen Hochaltar. 'Stiefbrüder in Christo' nannte der Herr Paster seine katholischen nicht-ganz-Kollegen, als er noch der Herr Paster im Dorf K. war. Und das Gut haben die Russen nach '45 dem Erdboden gleich gemacht, weil das ja der Klassenfeind war, und die Ländereien alle genossenschaftlich bewirtschaftet werden sollten.

Alle Bauern sind weggegangen, im Januar '45, als die Russen kamen, mit ihren Planwagen und ihren Tieren, so daß die Polen leere, ordentliche Häuser vorfanden, als sie ein paar Monate später ankamen, mit ihren Planwagen und Tieren. Nur die Geister, die hat keiner mitnehmen können, und die Polen wissen nichts davon. Die sind immer noch da, der Kuhkopp am Weg den Friedhof entlang, und das linke Bein im Obstgarten vom Gut, aber keiner fürchtet sich mehr vor ihnen, weil keiner mehr weiß, daß sie da sind.

Es ist traurig, aber nicht zu ändern - das war der Tenor jeder Geschichte von früher, die meine Großmutter und ihre zwei überlebenden Geschwister uns erzählte haben, aus den Tagen, als sie noch Pasters Walther, Pasters Trude und Pasters Heidel waren. Wir kennen sie trotzdem gut, und wir wissen, wir gehören eigentlich da hin, nicht in die Städte im Westen, wo es uns hinverschlagen hat, bis nach München-Haidhausen, dessen Hinterhöfe, heute von akuter Ausrottung bedroht, damals von der gleichen Sorte Arbeiterkinder bevölkert waren, wie sie die Töchter vom alten (und Schwestern vom neuen) Herrn Paster in Berlin-Kreuzberg unterrichtet haben. Aber wir können nicht mehr zurück, und hier in Haidhausen gibt es kein 'linkes Bein' in den Höfen, das uns vor gierigen Übergriffen beschützen könnte.

Traurig, aber nicht zu ändern.

Kirche und Schule im Dorf K., damals

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