Was ist nur mit der FAZ los??
Früher war das die Zeitung, die mein Großvater, der Pfarrer, zu lesen pflegte. Sie war genau wie er -- anspruchsvoll, voller Bildungsdünkel, und dabei stockkonservativ. Manchmal kaufte ich mir Freitags die FAZ und schob alles außer der Seite mit dem Kreuzworträtsel direkt vorm Laden in den Mülleimer.-

Früher, wenn ich fand, ich bräuchte eine Zeitung, kaufte ich die taz.

Heute?

Heute macht die FAZ online in der Frühe, als ich mit Tee und Bran Flakes daheim vorm Rechner saß, damit auf, daß sie in Stuttgart* weiterbauen, und zwar genau an der Stelle, wo ich letzten Montag dieses Bohrgerät gesehen habe, in Kindergartenkinder-Kastanienweitwurfdistanz von der Mahnwache und dem Bauzaun. Okay, jetzt ist es schon weiter runtergescrollt, aber es kommen halt immer neue Nachrichten. Der SPON dagegen meldete genau überhaupt gar nichts dazu.

Heute machte die FAZ in der Druckausgabe mit einem riesigen arabischen Schriftzug auf. Es ist das Wort "Freiheit". Sie machen also auch auf Papier ihrem wunderbaren, medien-revolutionären west-östlichem Sofa alle Ehre.

Okay, Teile der FAZ sind immer noch erzkonservativ. Während Telepolis schreibt 'DGB sagt, Leiharbeiter werden schrecklich ausgebeutet', schreibt die FAZ: 'Hilfe, der DGB will der Leiharbeit an den Kragen, und dann geht es der Wirtschaft wieder schlecht'. Und die faschistoideste Einlassung in einem regulären Online-Medium, die ich je gesehen habe (irgendein krummer Professor schrub, Hartz-IV-Empfänger sollten entmutigt werden, Kinder zu kriegen, denn dadurch werde nur das Volk immer dümmer, denn nur dumme Leute würden ja in Hartz IV landen), die habe ich auch in der FAZ online gelesen.

Aber alles in allem vollbringt die FAZ immer mal wieder Erstaunliches, und scheint den Übergang von Print zu Online mit Bravour gemeistert zu haben.

Das ist nicht mehr die Zeitung meines Großvaters. Wenn sie jetzt noch das Kreuzworträtsel allwöchentlich zum Ausdrucken online stellen (oder aber gleich eine Java-Version und/oder eine App dazu bauen) würden, dann wäre ich wirklich zufrieden.


* Als ich gerade zur Arbeit dackelte, hatte ich eine böse Idee: Jemand muß so bald wie möglich bei einer Wahlkampfveranstaltung den Mappus nach seiner Meinung zu Ägypten und den Parallelen zum Schwabenaufstand wegen des Tiefbahnhofs befragen. Jemand anders muß mit dem Video-Handy draufhalten. Was immer er antwortete, es wird auf jeden Fall blöd und peinlich ausfallen, und ein viraler Renner. Und dazu, ihm endlich den Hals zu brechen, könnte es auch noch helfen. Wo ist denn von hier aus B.-W. am nächsten, und wann kommt da Mappus auf Wahlkampftour?

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sphingula04, Dienstag, 8. Februar 2011, 21:22
Ich glaube, ich hatte einen anderen Großvater als Du, nicht einen, der "anspruchsvoll, voller Bildungsdünkel, und dabei stockkonservativ" war, sondern einen sehr behutsamen, sehr liebevollen und sehr engagierten alten Herren, der sicherlich manchmal wunderlich und verwundert (meinetwegen auch ob der heutigen Zeiten und Sitten) und eigen, dabei aber etwas absolut Besonderes war, jawoll ja!

Ansonsten hätte er eh nie eine Zeitung online gelesen - wie hätte er die denn auch aufheben und auf die großen Stapel voller klugem Papier zum Anfassen legen sollen? Endlich eine richtige Zeitung, nachdem er jahrelang allenfalls eine unehrliche Einheitszeitung hätte lesen dürfen?!?

Ansonsten - ich kenn die alten Geschichten von den Pasterskindern ja auch noch, aber ich weiß trotzdem, wo ich hingehöre - nämlich in genau diese Kleinstadt im Westen, in der ich jetzt mit den fünf Menschen lebe, die für mich "Familie" bedeuten. Da kann kein Kuhkopp und kein gar nichts mithalten!

sethos, Dienstag, 8. Februar 2011, 21:36
Ich glaube, Du hast wirklich ganz andere Aspekte von unserem Großvater zu sehen bekommen -- Du warst 'die Quade', das war von ihm aus auch was Besonderes.

Ich dagegen erinnere mich deutlich, wie mir mal die Kinnlade runtergefallen ist, als er ernsthaft erklärte, seiner Meinung nach hätten Thomas Mann oder Hermann Hesse gar nicht die Berechtigung gehabt, überhaupt Bücher zu schreiben, die hätten ja alle beide nicht mal das Abitur gehabt. Das erfüllt bei mir schon diese Beschreibung.-

sphingula04, Dienstag, 8. Februar 2011, 21:46
...Du hast offenbar nicht die Bücher gesehen, nach seinem Tod, die er sich jedes Mal getreulich gekauft hatte, sobald einer von uns (und - ja, auch Du!) sich für irgendein Thema interessierte... seine Art, Anteil zu nehmen, getreulich, jedes Mal, und selbst wenn IHM das Thema noch so ferne war.

Ansonsten - ja, für ihn waren Autoren ohne Abitur keine ernstzunehmenden Autoren, ich weiß. Er hat sich eben immer als Wissenschaftler einem Thema genähert, egal welchem...

Andererseits - bei "undünkelhaft" würde ich nun auch nicht gerade an Thomas Mann denken (auch wenn ich sehr vieles von ihm durchaus gerne gelesen habe).

sethos, Dienstag, 8. Februar 2011, 22:03
Ich weiß, daß er ein paar unerwartete japanologische Bücher hatte, weil er wohl wissen wollte, was das ist, das ich da studiere. Das fällt unter Deine (völlig korrekte) Beobachtung, daß er sich jedem Thema primär als (Geistes-)Wissenschaftler näherte.

Ohne das, was ich von ihm gelernt habe, wäre ich nicht ich. Schau dir mal meine Kommentare bei dem heutigen FAZ-Sofa an: - da merkst Du ganz klar, wo ich herkomme, wenn vielleicht nicht vom Inhalt her, dann doch von Ansatz ("Das muß man alles historisch und/oder im Zusammenhang sehen") und von der Diktion her. Bildungsdünkel kann ich auch. Vor allen Dingen, wenn es um Sinn und Unsinn von Latein geht. Und seine Werkzeugkiste halte ich in Ehren, und immer griffbereit, inklusive hausgemachter Ahle aus Altossiland.

Aber wenn man ihn und Thomas Mann zwecks der Diskussion eines intellektuellen Themas aufeinander losgelassen hätte (wären sie denn aus der selben Generation gewesen, und hätte es einen Grund gegeben, einen unbekannten Pfarrer gegen eine anerkannte Geistesgröße antreten zu lassen), dann weiß ich nicht, wer mehr Bildungsdünkel an den Tag gelegt hätte, und wer die längeren Sätze gebaut hätte. Man hätte aber auf jeden Fall Eintritt nehmen können, und sich für den Rest des Tages nichts mehr vornehmen dürfen.-

genova68, Montag, 14. Februar 2011, 16:40
Die Berichterstattung der FAZ zum Thema Ägypten fand ich auch ziemlich gut, kompetent und umfangreich und ideologisch zurückhaltend.

Andere Teile der FAZ sind heftig, beispielsweise wenn Mechthild Küpper über linke Themen schreibt. Das ist nicht in erster Linie konservativ, sondern ignorant.

Aber ohne diesen Pluralismus könnten weder FAZ noch SZ überleben. Die leben wohl davon, dass weite Teile ihrer Leserschaft entweder Feuilleton oder Wirtschaft oder Politik lesen.

sethos, Montag, 14. Februar 2011, 17:26
Berichterstattung der FAZ zum Thema Ägypten war für mich vor allen Dingen das 'west-östliche Sofa' von Don Alphonso & Team, und das war hervorragend, weil es eben nicht nur eigenen Inhalt brachte, sondern als HUB Node für alle möglichen Medien diente, und in den Kommentaren nicht nur Diskurs, sondern auch Info lief.-